Sind Amerikas Politiker Popstars? Ein Auftritt von Michelle Obama

Politik ist langweilig? Nicht in Amerika! Dort ist Politik mitreißend, spannend, ergreifend, jeden Einzelnen ansprechend. Die Politiker werden bei ihren Wahlkampfauftritten bejubelt wie Popstars, die Leute stehen stundenlang an, um sie einige Minuten sprechen zu hören. Und manchmal treffen sie dabei sogar „echte“ Popstars.

Vor der Miami University in Oxford, Ohio, zeiht sich die Schlange um einen ganzen Häuserblock, viele Hundert warten darauf, Michelle Obama sprechen zu hören. Ausgerüstet mit Buttons, T-Shirts und Schildern und voller Vorfreude stehen sie geduldig im eisigen Regen. Der Auftritt beginnt um halb drei, trotzdem frieren einige schon seit acht Uhr morgens, um in der ersten Reihe stehen zu können.

Ohio ist einer der sogenannten Swingstates, ein Bundesstaat, der mal republikanisch, mal demokratisch wählt. Für die Kandidaten ist der Wahlkampf dort besonders wichtig, da sich hier die Wahl entscheidet. Eine ganz besondere Rolle spielt dabei Ohio, in den letzten Tagen vor der Wahl gibt es hier viele Auftritte der Spitzenkandidaten.


Als die Menschen in die große Sporthalle strömen, ist der Auftritt noch Stunden entfernt. Trotzdem kommt keine Minute lang Langeweile auf, die Studenten haben ein buntes Programm auf die Beine gestellt. Eine große Marching Band in Uniformen in den Schulfarben rot und weiß spielt Rythm-and-Blues-Musik, der Männerchor der Universität singt, danach tritt ein Chor aus mehreren schwarzen Studenten auf. Alle werden bejubelt, einige Leute auf der Tribüne tanzen auf ihren Plätzen.

Die Begrüßung der First Lady ist bestens vorbereitet. In der Halle hängen mehrere riesige Banner mit Aufschriften wie „We ♥ Michelle“ oder „Ohio 4 Obama“. Viele Studenten haben eigene Plakate dabei, später werden weitere Plakate mit dem Schriftzug „Forward“- „Vorwärts“- verteilt.


Doch Michelles Rede wird nur der Höhepunkt nach einer ganzen Reihe von mitreißenden Auftritten sein. Nach der Musik steht der Pledge of Allegiance auf dem Programm. Alle wenden sich der großen Flagge zu, die an der rechten Seite der Halle hängt, und sprechen gemeinsam den Treue-Schwur. Danach wird ein Gebet gesprochen und die Studentin Regine Parsons singt die Nationalhymne . Nach und nach stimmen alle mit ein, sie summen oder singen leise mit.


Der erste Vorredner betritt die Bühne. Schon er, ein Neighborhood Team Leader, wird immer wieder von Jubeln unterbrochen. Er fordert die Menge auf, so früh wie möglich wählen zu gehen, um am Dienstag, dem offiziellen Wahltag, als Freiwillige die Demokraten zu unterstützen. Die Leute fassen diese Bitte aber nicht als Zumutung, sondern eher als Ehre auf, und klatschen begeistert.


Auch die nächste Rednerin, Yvette McGee Brown, eine Richterin aus dem Supreme Court, dem höchsten Gericht, in Ohio, kommt gut an. Sie macht der Menge klar, wie wichtig es ist, dass auch ins Gericht die gewählt werden, die die Leute repräsentieren. Als bestes Beispiel dafür nennt sie sich selbst, die erste Schwarze am Supreme Court in Ohio. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen, studierte mit einem Stipendium und hätte sich nie träumen lassen, einmal am obersten Gericht Ohios zu landen, und doch hat sie es geschafft. Ihre Botschaft ist nicht nur, dass jeder es schaffen kann, sondern auch, dass es wichtig ist, Vertreter im Gericht zu haben, die wissen, wie es den Leuten geht, da dort tagtäglich über all die kleinen Dinge entschieden wird, die die Menschen direkt betreffen.

Plötzlich macht ein Gerücht die Runde: Ist das da drüben wirklich will.i.am?! Ja, er ist es. Will.i.am, der Sänger der Black Eyed Peas und großer Unterstützer von Präsident Barack Obama, sitzt in der ersten Reihe im Publikum und unterhält sich angeregt mit einigen Fans. Er hatte Obama schon 2008 mit dem Song „Yes We Can“ unterstützt und wird auch in der späteren Rede der First Lady erwähnt.

Nach einer kleinen Pause, die von der Marching Band gefüllt wird und die Stimmung richtig anheizt, ist es endlich soweit: Ein Student im ersten Semester kommt auf die Bühne und hält eine kurze Rede, er erzählt, wie aufregend die erste Präsidentschaftswahl, bei der er selbst wählen darf, für ihn ist, wie ihn die Begeisterung angesteckt hat. Die Spannung steigt, alle wissen, jetzt kommt sie gleich. Und richtig, endlich kündigt der Student sie an: „Please welcome the First Lady of America, Michelle Obama!“ Seine letzten Worte sind fast nicht mehr zu verstehen, sie gehen im lauten Jubel der Menge unter.

Als Michelle Obama dann die Bühne betritt, ist die Lautstärke nicht mehr zu steigern. Jeder applaudiert, schreit, jubelt. Sie selbst strahlt, winkt dem Publikum zu. Die Menge ist begeistert.

Doch als Michelle zu reden beginnt, sind alle leise, keiner will ein Wort verpassen. Sie spricht von ihrer Liebe zu Barack Obama, wie viel Gutes er in den letzten vier Jahren bewirkt hat, und vor allem fordert sie die Leute immer wieder auf, wählen zu gehen und Freunde und Bekannte ebenfalls dazu zu bringen: „Wir haben noch drei weitere Tage für vier weitere Jahre!“ Sie erklärt, dass jede einzelne Stimme einen Unterschied macht, jede Stimme kann die Wahl entscheiden. Als jemand ruft: „Wir lieben dich!“, antwortet die First Lady: „Ich liebe euch mehr, denn ihr seit unsere Zukunft“.

Sie spricht von Amerika als dem großartigsten Land auf diesem Planeten, das nur vorwärts geht, niemals rückwärts. „Wir können nicht umkehren, wir sind schon so weit gekommen, aber da ist noch so viel, was wir tun müssen!“

Als sie die Bühne verlässt, um einigen die Hand zu geben, tobt der Saal. Die Leute in der ersten Reihe drängeln und schubsen, jeder will Michelle Obama die Hand geben oder, noch besser, sie umarmen. Babys werden nach vorne gereicht, damit die First Lady sie auf den Arm nimmt.

Die Euphorie, die im ganzen Saal zu spüren ist, ist noch intensiver als beim Auftritt von Barack Obama. Für den Präsidenten empfinden die Anhänger tiefen Respekt und große Verehrung, die First Lady aber ist eine von ihnen, was ihr mit einer tiefen Zuneigung und Liebe, der auch die vielen Sicherheitsleute nichts anhaben können, gedankt wird.

Denn Michelle Obama ist der Superstar in der Politik der USA!

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4 Antworten zu Sind Amerikas Politiker Popstars? Ein Auftritt von Michelle Obama

  1. klothilde schreibt:

    elli elli, wenn du nicht Journalistin wirst, gibts Ärger! ich bin schwer begeistert!

  2. Pingback: Nah dran: Obamas Geheimwaffe | Amerikas nächster Präsident

  3. Pingback: Nah dran: Obamas Geheimwaffe | State of the Union

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